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Andreas Rettig: der Anti-Bierhoff

Andreas Rettig wurde überraschend DFB-Geschäftsführer. Auf die Berufung des angriffslustigen Funktionärs folgten am Sonntag zwei Rücktritte

Andreas Rettig mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Foto: Imago / Hartenfelser

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Beim ersten Sport Bild Award vor 20 Jahren saßen Andreas Rettig und Karl-Heinz Rummenigge in der Hamburger Szene-Bar „Insel“ und tranken ein paar Bier zusammen. Schon damals trennten beide Fußballfunktionäre Welten: hier der eloquente und angriffslustige Klassensprecher der kleinen Vereine, dort der breitbeinige und erfolgsverwöhnte Repräsentant des Klassenbesten FC Bayern. Die zwei scherzten, feixten und lachten miteinander, und es gab kein Problem, das man nicht bei einem Bier besprechen und schließlich lösen konnte. So funktionierte Deutschlands Fußballfamilie damals.

Zwei Jahrzehnte später ist der Graben zwischen Arm und Reich so breit und so tief, dass nicht mal Investorenmodelle, die von Großvereinen um Bayern München und Borussia Dortmund ausgeheckt worden sind, die erforderliche Mehrheit finden. Mehr noch: Andreas Rettig, dem sie die wenig schmeichelhaften Beinamen „Schweinchen Schlau“ (Rudi Völler) und „König der Scheinheiligen“ (Uli Hoeneß) angeheftet haben, stieg zu ihrem Nervtöter auf: Als Volkstribun wollte er zwischenzeitlich dem Establishment das TV-Geld stutzen und sprach RB Leipzig das Existenzrecht ab.

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Paukenschlag beim DFB: Karl-Heinz Rummenigge und Oliver Mintzlaff treten aus der DFB-Taskforce zurück. Die Berufung von Andreas Rettig zum Geschäftsführer des Verbands soll der Grund für diesen Schritt sein.

Nur mit Blick auf diese Kluft zwischen jenen Klubvertretern, die Bundesliga spielen, aber nur an ihr Fortkommen in der Champions League denken, und jenen aus dem Alltagsgeschäft Liga-Fußball ist zu verstehen, warum Karl-Heinz Rummenigge und sein RB-Kollege Oliver Mintzlaff gestern überstürzt aus dem DFB-Arbeitskreis „Task Force Nationalmannschaft“ zurückgetreten sind. Die DFB-Spitze hatte ihnen unter der Woche Andreas Rettig als DFB-Geschäftsführer Sport vor die Nase gesetzt - angeblich ohne Rücksprache oder Vorabinformation. Für sie war das: ein Affront.

Über Jahre hatte ihnen Rettig immer und immer wieder den Spiegel vorgehalten. Nicht freundlich und behutsam, sondern laut und öffentlichkeitswirksam. Als Vordenker buchstabierte er ihnen, was Nachhaltigkeit bedeutet, als die meisten Klubs noch gar nicht wussten, dass das Wort mit zwei h geschrieben wird. Vor der WM 2022 organisierte er Boykott-Veranstaltungen gegen Katar und lieferte sich beim Fußballtalk „Doppelpass“ ein legendäres Wortgefecht mit Uli Hoeneß, der seinen Sponsorendeal mit Katar verteidigte. Das Dumme für Rettigs Gegner: Aus solchen Scharmützeln geht er meistens als Punktsieger hervor.

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Ganz gleich, welche Position er gerade bekleidete, Geschäftsführer bei der Bundesliga-Vertretung DFL, bei Vereinen wie 1. FC Köln, FC Augsburg oder FC St. Pauli: Der heute 60 Jahre alte Fußballfunktionär gefiel sich in der Rolle als Anti-Bierhoff und setzte gesellschaftliche Fragen auf die Agenda der Großkopferten. Früh forcierte er Diversität im Profifußball, manifestierte die deutsche Regelung 50+1, wonach die Vereinsmitglieder immer Investoren überstimmen dürfen, und nahm Zug statt Flugzeug. Titel gewann Rettig keine. Aber Sinn für seine Arbeit.

So einer nervt. Man darf vermuten, dass der DFB ihn genau deswegen verpflichtet hat. Der Verband kennt die Grabenkämpfe in ebenso scharfer Form: Er muss Profis und Amateure im weltweit mitgliederstärksten Sportverband unter einem Dach vereinen. Dass Rettig „kritisch“ ist, sogar "streitbar", wusste Präsident Bernd Neuendorf vorher. Aber auch: dass Rettig „durchsetzungsstark“ ist. Rettig selbst meinte: „Es wird sich noch zeigen, ob ich der Richtige bin. Zumindest haben die Gremien das Gefühl, dass ich der Richtige sein könnte.“

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Als Geschäftsführer Sport verantwortet Rettig alle Nationalmannschaften und die überteuerte DFB-Akademie in Frankfurt am Main, also Zukunftsfragen des deutschen Profifußballs. In dieser Funktion hat er zwangsläufig direkten Einfluss auf die A-Nationalmannschaft, für die sich aber eine Männerrunde verantwortlich fühlt, die für einen wie Rettig keinen Platz in ihrer Mitte sieht und heute lieber auf ein gemeinsames Bier verzichtet.

Dabei zeigt die Personalie Rettig - völlig unerwartet - einen ungeheuren Mut beim DFB: Man holt einen, der unbequem denkt und handelt, und eben keinen aus dem Mainstream, der sein Fähnchen nach Opportunitäten ausrichtet. Dass die Großklubs Sturm laufen, muss kein schlechtes Zeichen sein: Die Zeit, dass sie in Hinterzimmern bestimmen, was Sache ist, wird auf eine Probe gestellt. Der Ausgang: völlig offen.

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